
Asbest, PCB und PAK: Die unsichtbaren Altlasten in Berliner Gebäuden | Foto: ©auremar #562677283 – stock.adobe.com
Wer in Berlin eine Wand aufstemmt, einen alten Bodenbelag herausreißt oder eine Decke abhängt, weiß oft nicht, was dahinter steckt. Die Stadt ist ein gebautes Geschichtsbuch: Gründerzeitaltbauten, Nachkriegsriegel, West-Berliner Beton der Sechziger, DDR-Plattenbauten. Jede Epoche hat ihre Baustoffe hinterlassen, und einige davon haben sich Jahrzehnte später als gesundheitsschädlich entpuppt. Drei Namen tauchen dabei immer wieder auf: Asbest, PCB und PAK.
Warum Berlin besonders betroffen ist
Der Großteil der Berliner Bausubstanz stammt aus Zeiten, in denen niemand über Schadstoffe nachdachte. Gerade zwischen den Fünfziger- und Achtzigerjahren wurde in beiden Teilen der Stadt enorm viel gebaut, schnell und billig.
Dazu kamen die Insellage West-Berlins mit ihren eigenen Förderprogrammen und die DDR-Bauindustrie, die stark auf Asbestzement und Teerprodukte setzte.
Asbest ist seit dem 31. Oktober 1993 in Deutschland komplett verboten, was die Herstellung, den Vertrieb und die Nutzung betrifft. Besitzer eines Gebäudes, dessen Bau vor dem 31. Oktober 1993 begonnen wurde, sollten grundsätzlich mit Schadstoffen rechnen. Genau hier setzt die Schadstoffsanierung Berlin an: Sie beginnt mit der Frage, was überhaupt im Bestand steckt.

Der Großteil der Berliner Bausubstanz stammt aus Zeiten, in denen niemand über Schadstoffe nachdachte | Foto: ©finecki #83272294 – stock.adobe.com
Asbest: Der Klassiker mit langer Latenz
Asbest ist ein faseriges Mineral, hitzebeständig, stabil und lange Zeit ausgesprochen beliebt. Man fand es in Spritzputz an Stahlträgern, in Brandschutzklappen, Rohrisolierungen, Fassadenplatten aus Eternit, Dachwellplatten, Nachtspeicherheizungen und sogar in Fensterbänken und Fliesenklebern. Besonders tückisch sind die sogenannten Floor-Flex-Platten, die vielerorts unter späteren Belägen schlummern.
Gefährlich wird Asbest nicht im festen Zustand, sondern wenn Fasern freigesetzt werden: beim Bohren, Schleifen, Abbrechen. Die winzigen Fasern gelangen tief in die Lunge. Die Folgen zeigen sich oft erst nach fünfzehn bis vierzig Jahren, etwa als Asbestose, Lungenkrebs oder Mesotheliom, ein bösartiger Tumor des Brust- oder Bauchfells. Genau diese lange Verzögerung macht das Thema so heimtückisch.
Berlin kennt die Problematik aus nächster Nähe. 1990 wurde der Palast der Republik aufgrund von Asbest geschlossen, und seine jahrelange Entkernung von 1998 bis 2003 zählt zu den bekanntesten Sanierungsprojekten der Stadt. Auch das seit 2014 geschlossene ICC ist mit Asbest belastet. Die Schadstoffsanierung steht noch aus und ist Teil der geplanten Neuentwicklung des Gebäudes.

Asbest ist ein faseriges Mineral, hitzebeständig, stabil und lange Zeit ausgesprochen beliebt | Foto: ©ALEXEY #373089085 – stock.adobe.com
PCB: Das Gift in den Fugen
PCB steht für polychlorierte Biphenyle. Der Stoff war ein Alleskönner: schwer entflammbar, elektrisch isolierend, haltbar. Er steckte in Kondensatoren von Leuchtstofflampen, in Transformatoren, in Anstrichen und vor allem in dauerelastischen Fugendichtmassen. Typisch sind Bauten aus den Jahren zwischen 1955 und 1975, also viele Schulen (Leitfaden für die Innenraumhygiene in Schulgebäuden), Kitas, Verwaltungsgebäude und Wohnblöcke.
In offenen Anwendungen wurde PCB in Deutschland 1978 verboten, ein vollständiges Verbot folgte 1989.
Das Problem: PCB verdampft langsam aus den Materialien und reichert sich in Raumluft, Hausstaub und Fettgewebe an. Der Körper baut die Stoffe kaum ab. Sie werden seit 2013 von der IARC als Gruppe-1-Karzinogene eingestuft, gelten also als krebserregend für den Menschen. Außerdem können sie Auswirkungen auf Leber, Immunsystem und Hormystem haben. Die PCB-Richtlinie legt Orientierungswerte für die Raumluft fest: Eine Belastung von bis zu 300 Nanogramm pro Kubikmeter ist auf lange Sicht akzeptabel, während bei Werten über 3000 Nanogramm sofortige Maßnahmen erforderlich sind. In der Zwischenzeit ist es ratsam, nach der Ursache zu fahnden und diese auf mittlere Sicht zu beheben.
PAK: Der Teergeruch im Altbau
Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, entstehen bei unvollständiger Verbrennung und stecken in Steinkohlenteer. In Gebäuden begegnen sie uns vor allem in Parkettklebern auf Teerbasis, in Teerpappen, Bitumenanstrichen und teergebundenen Korkplatten. Wer in einem Berliner Altbau schon einmal beim Abschleifen alter Dielen einen markanten, beißenden Geruch bemerkt hat, kennt die Spur vielleicht.
Eine Leitsubstanz ist Benzopyren, nachweislich krebserregend. Als Faustregel gelten Kleber ab etwa 200 Milligramm PAK pro Kilogramm als problematisch. Nach einem Rückbau ist oft die entscheidende Frage, ob sich noch Reste im Estrich verstecken. PAK sind zudem ein Umweltthema: Gelangt belasteter Bauschutt unkontrolliert in die Entsorgung, kann das Boden und Grundwasser beeinträchtigen.

Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, entstehen bei unvollständiger Verbrennung und stecken in Steinkohlenteer | Foto: ©Vivid Concepts #513057324 – stock.adobe.com
Wann Handeln nötig ist
Entscheidend ist, ob die Schadstoffe fest eingebunden sind oder freigesetzt werden. Ein intakter Asbestzement an der Fassade ist weniger kritisch als ein bröckelnder Spritzputz im Treppenhaus. Pauschale Panik ist also unnötig, pauschales Wegschauen aber genauso falsch.
Vor Umbauten, Kernsanierungen und Abrissen führt an einer fachgerechten Erkundung kein Weg vorbei.
Zudem sind Veranlasser von Bauarbeiten – einschließlich privater Bauherren – seit Dezember 2024 verpflichtet, dem ausführenden Betrieb alle Informationen, die ihnen vorliegen, über vorhandene oder vermutete Schadstoffe sowie das Baujahr bzw. den Beginn der Bauarbeiten bekanntgeben. Bei Gebäuden, deren Bau vor dem 31. Oktober 1993 begonnen wurde, ist grundsätzlich von Asbest auszugehen.
Wie eine Sanierung abläuft
Am Anfang steht die Untersuchung: Gutachter nehmen Materialproben, lassen sie im Labor analysieren, messen die Raumluft und erstellen ein Schadstoffkataster. Erst dann wird geplant. Bei Asbest regelt die TRGS 519 das Vorgehen, bei PCB und PAK greift die TRGS 524 für kontaminierte Bereiche. Die Arbeiten dürfen nur Betriebe mit entsprechender Sachkunde ausführen.
In der Praxis wird der Arbeitsbereich zum Schwarzbereich: luftdicht abgeschottet, unter Unterdruck gehalten, mit Personalschleuse. Die Beschäftigten tragen Einwegoverall und Atemschutz, der Abfall wird in dichten Behältern verpackt und gekennzeichnet. Danach prüft eine Freimessung, ob der Bereich wieder betreten werden darf. Bei der Auswahl des Anbieters sollte man auf Referenzen, Sachkundenachweise und eine saubere Dokumentation achten, denn Pfusch rächt sich hier doppelt: gesundheitlich und finanziell.
Die Entsorgung ist ein eigenes Kapitel. Asbesthaltige Abfälle müssen getrennt gesammelt und auf zugelassenen Deponien abgegeben werden, PCB-haltiges Material wird meist verbrannt. In Berlin überwachen unter anderem das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit sowie die Umweltbehörden die Vorgänge.

Am Anfang steht die Untersuchung: Gutachter nehmen Materialproben, lassen sie im Labor analysieren, messen die Raumluft und erstellen ein Schadstoffkataster | Foto: ©auremar #326518042 – stock.adobe.com
Was Eigentümer und Mieter wissen sollten
Für Eigentümer lohnt sich eine frühzeitige Erkundung, noch bevor ein Bauprojekt beginnt. Überraschungsfunde mitten im Umbau bedeuten Baustopp, Mehrkosten und Verzögerungen.
Mieter dürfen bei Verdacht nachfragen, etwa wenn Fugen auffällig riechen oder Platten beschädigt sind.
Heimwerker sollten bei Altbauten vor Bohr- und Schleifarbeiten zweimal überlegen, denn schon das Anbohren einer asbesthaltigen Platte kann Fasern freisetzen.
Ein Blick nach vorn
Der Umgang mit Schadstoffen wird in den nächsten Jahren eher wichtiger als unwichtiger. Berlin wächst, verdichtet sich und saniert energetisch: Dämmung, Fenstertausch, Dachausbau. Jede dieser Maßnahmen greift in alte Substanz ein und kann Altlasten freilegen. Unsichtbar sind Asbest, PCB und PAK nur, solange niemand hinschaut. Wer rechtzeitig prüft, plant und Fachleute holt, macht aus einem versteckten Risiko eine lösbare Aufgabe.



